Spaced Repetition- So kannst du dir ALLES langfristig merken

So merkst du dir alles mit Spaced Repetition

Manchmal ist mein Hirn wie ein Sieb. Ich lerne viel, bekomme in der Uni viel Input, aber nach ein paar Tagen ist alles wieder verschwunden. Einfach durchgesiebt. Und wenn ich dann später das Gelernte nochmal brauche: Tja, da kann ich lange in meinem Gehirn herumwühlen. Das heißt also: Alles nochmal von vorne lernen.

Nervig! Wie viel Zeit man wohl sparen könnte, wenn es reichen würde, alles einmal zu lernen und nicht jedes Mal von vorne anfangen müsste. Wie schön wäre es doch, sich alles langfristig merken zu können.

Klingt unmöglich? Ist es nicht. Spaced Repetition ermöglicht genau das. Dinge effektiv lernen und langfristig behalten.

Es erfordert ein bisschen System, aber es lohnt sich, denn die Lerneffekte sind unglaublich!

Was ist Spaced Repetition?

Spaced Repetition ist eine höchst effektive Lernmethode. Das System dahinter ist ganz simpel: Du wiederholst deinen Lernstoff in regelmäßigen Abständen.

Die Abstände zwischen den einzelnen Wiederholungen vergrößerst du mit der Zeit. Die erste Wiederholung kommt nach einem Tag, die zweite nach drei, die dritte dann nach einer Woche usw.

Das Leitner-System

In der Schulzeit findet Spaced Repetition oftmals Verwendung in Form des Leiter-Systems.

Dabei hast du eine Karteikarten-Box mit verschiedenen Fächern. Die Karten in Fach eins wiederholst du täglich, die Karten in Fach zwei alle zwei Tage, die aus dem dritten nur einmal die Woche usw.

Hast du eine Karte richtig beantwortet, rutscht die Karte ein Fach weiter nach hinten. Ist die Antwort falsch, kommt die Karte zurück ins erste Fach.

Kommt dir das bekannt vor? Dann hast du das Grundprinzip von Spaced Repetition eigentlich schon verstanden

Warum du mit dem Spaced Repetition System lernen solltest

Obwohl sich die meisten einig sind, das Bulimie-Lernen wohl nicht die schlauste Lernmethode ist, ist sie doch recht beliebt unter Studierenden. (wobei das Bulimie-Lernen eigentlich nicht mal als Lernmethode bezeichnet werden kann)

Denn wer kennt es nicht:

Die Zeit wird knapp, also wird in kürzester Zeit so viel wie möglich ins Hirn geprügelt.

Sobald die Prüfung vorbei ist wird dann alles – bildlich gesprochen – wieder ausgekotzt.
Von den gelernten Themen und Inhalten bleibt so gut wie gar nicht hängen. Mit etwas Glück kannst du dich noch ein paar Tage daran erinnern, aber spätestens nach ein paar Wochen ist nichts von dem Gelernten mehr da.

Alles rausgesiebt und ausgekotzt.

Warum das nervt?

  1. Jede Art von Lernen- auch Bulimie-Lernen – kostet Zeit und Energie. Diese Zeit und Energie investiert man natürlich viel lieber, wenn man auch nachhaltig noch etwas davon hat.
  2. Bulimie-Lernen ist es extrem ineffektiv. Denn jedes Mal, wenn du das Gelernte wieder brauchst, musst du von vorne anfangen.

Um noch ein weiteres Bild zu eröffnen: Bulimie-Lernen ist eine Sisyphos-Arbeit. In den Tagen vor der Klausur wird der Stein mühselig den Berg raufgerollt. Aber da bleibt er natürlich nicht, sondern rollt immer direkt wieder runter, sobald du die Klausur hinter dich gebracht hast. Also schaffst du ihn in den Tagen vor der nächsten Klausur wieder mühselig den Berg hinauf.

Spaced Repetition sorgt nun dafür, dass dein Sieb zu einer Schüssel wird, in der die Informationen gelagert werden können. Der Brechreiz wird unterdrückt. Der Stein bleibt endlich auf dem Berg.

Warum funktioniert Spaced Repetition? – Vergessenskurve

Hermann Ebbinghaus entwickelte bereits im 19. Jahrhundert die so genannte Vergessenskurve und die ist noch bis heute aktuell.

Die Vergessenskurve veranschaulicht, wie du gelernte Inhalte in den Tagen und Wochen danach wieder vergisst.

Angenommen du lernst heute Nachmittag die Energieversorgung der Skelettmuskulatur.

Laut der Gedächtniskurve kannst du dich bereits nach 20min. nur noch an 60% des Gelernten erinnern.
Nach einem Monat sind nur noch magere 15% des ursprünglichen Inhalts.

Und das, obwohl du wertvolle Zeit und Energie ins Lernen investiert hast.

Durch Spaced Repetition unterbrichst du diese Vergessenskurve.

Dein Gehirn behält immer nur die Informationen, die es als wichtig anerkennt. Wichtig sind die Informationen, die du regelmäßig brauchst und abrufst.
Das heißt im Umkehrschluss: Wenn du Inhalte nicht wiederholst, erachtet dein Gehirn sie als unwichtig und schmeißt sie raus.

Spaced repetition gegen die Vergessenskurve: 
Nur was regelmäßig gebraucht wird, ist wichtig genug, um im Gedächtnis zu bleiben.

Das Kernelement von Spaced Repetition ist also Lernen durch Wiederholung.

Bei jeder Widerholung denkt sich dein Gehirn in gewisser Weise: „Oh, das ist anscheinend doch wichtig, dann behalt ich es lieber noch.“

… und schon bleibt das Gelernte etwas länger in Erinnerung.

Nach der ersten Wiederholung ist ‚etwas länger‘ zwar nur ein Tag, nach der zehnten Wiederholung aber vielleicht schon ein ganzes Jahr.

Funktioniert Lernen durch Wiederholung wirklich? – Wissenschaftlicher Beweis

Spaced Repetition ist nicht nur ein Trend. Wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass die Lerneffekte durch Wiederholung beeindruckend sind.

Eine Studie von Jeffrey D Kaprice und Althea Bauernschmidt zeigt eindrüklich, welchen Effekt Spaced Repetition auf das Langzeitgedächtnis haben kann.

Die ProbandInnen sollten Wortpaare auswendig lernen, bis sie diese wiedergeben konnten. Die eine Gruppe wiederholte die Inhalte anschließend in drei aufeinander folgenden Tests. Die andere Gruppe wiederholte die Inhalte auch dreimal, aber mit einem gewissen Abstand zwischen den einzelnen Wiederholungen.

Das beeindruckende: Die Ergebnisse der Gruppe, die Abstände beim Lernen gelassen hat – also Spaced Repetition angewendet hat- waren 200% besser als die der Vergleichsgruppe.

Wie wende ich Spaced Repetition an?

Lernen durch Wiederholung in Form von Spaced Repetition funktioniert also wirklich und zwar ziemlich gut. Jetzt fehlt nur noch der Schritt, diese Lernmethode in dein Lernen zu integrieren.

Maximaler Lernerfolg durch Active Recall

Am effektivsten ist Spaced Repetition, wenn es in Kombination mit der „Active Recall“-Methode angewendet wird.

Beim Active Recall geht es darum, dich aktiv und bewusst mit einer Thematik auseinanderzusetzen.

Karteikarten machen genau das: Die Frage auf der einen Seite, fordert dich auf, einmal so richtig in deinem Gedächtnis zu kramen und alles hervor zu rufen, was sich zur Beantwortung der Frage finden lässt. Aktiver Lernen geht gar nicht.

Das Gegenteil vom Active Recall wäre: Texte lesen und Stichworte markieren. Dabei lässt sich dein Gehirn einfach berieseln aber leistet keine wirkliche Eigenleistung.

Optimales Lernen wäre also: In größer werdenden Abständen

  • Karteikarten lernen,
  • Altklausuren und Übungsaufgaben lösen oder
  • sich in einer Lerngruppe gegenseitig abfragen.

Übrigens:
Auch Texte lesen kannst du aktiv gestalten, indem du Fragen an den Text stellst. Mehr dazu bei der SQ3R-Methode.

Welche Lerninhalte eignen sich am besten?

In der Schule wird Spaced Repetition im Rahmen des Lernens mit Karteikarten klassischerweise für Vokabeln verwendet.

Aber Spaced Repetition eignet sich längst nicht nur für Vokabeln.
Fakten, Formeln, Definitionen, aber auch größere Zusammenhänge können damit gelernt werden.

Im Prinzip eignet sich alles für Spaced Repetition. Unter Medizinstudierenden ist es besonders beliebt.
Selbst StudentInnen, die im ersten Semester noch sehr skeptisch dem Ganzen gegenüber waren, stellen nach und nach fest, dass es doch echt gut funktioniert.

Es empfiehlt sich aber immer nur keine Abschnitte pro Karte zu lernen.

Also: Nicht auf eine Seite: Wie funktionieren die Methoden zur Energiebereitstellung im Skelettmuskel, sondern:

  • Welche Möglichkeiten zur Energiebereitstellung im Skelettmuskel gibt es?
  • Welche Funktion hat die Keratinkinase?
  • Wann wird anaerobe Glykole zur Energiebereitstellung verwendet?

Je weniger Infos auf einer Karte, desto besser.

Denn ganz ehrlich: Wenn dich eine Wiederholung direkt 3 Minuten kostet, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du sie wirklich regelmäßig wiederholst, sehr gering.
Brauchst du für die Antwort nur wenige Sekunden, braucht es sehr viel weniger Motivation.

Skeptisch gegenüber Spaced Repetition?

Wie alle Lernmethoden, wird spaced Repetition nicht von allen geliebt. Es gibt auch diesem System gegenüber einige Skeptiker. Daher einmal die beiden größten Kritikpunkte, inwiefern sie berechtigt sind und wie du sie ggf. aus dem Weg räumen kannst.

Ist Spaced Repetition nicht super zeitaufwendig?

Wenn du zurückschreckst, weil du denkst du müsstest jetzt neben dem eigentlichen Lernen auch noch super viel Zeit ins Zeitmanagement selbst stecken, damit du alles immer im richtigen Zeitintervall abfragen kannst, kann ich dich beruhigen.

Du musst keine komplizierten Karteikarten-Lernsysteme einrichten und auch nicht endlos viele Karteikarten und Boxen kaufen, um mi Spaced Repetition lernen zu können.

Zum Glück gibt es viele Programme, die einem diesen organisatorischen Teil abnehmen.

Digitale Karteikarten Programme wie Anki oder Quizlet haben einen Algorithmus, der deine Karten, je nach dem ob und wie gut du sie beantworten konntest, in ein nächstes zeitliches Intervall verschiebt.

Das ist also sogar viel bequemer als andere Lernmethodne: Du musst einfach nur die Karten lernen, die deine App dir für den heutigen Tag als zu lernen aufgibt. Sind alle Karten abgearbeitet, hast du Feierabend.

Muss ich täglich lernen?

Was die meisten von Anki oder ähnlichen Programmen abhält, ist das tägliche lernen.

Denn der Anki-Algorithmus macht keine Pausen oder Urlaub. Auch am Wochenende und in den Semesterferien werden dir die zu lernenden Karten angezeigt.
Lernst du mal einen Tag nicht, stauen sich die Karten an. Nach ein paar Wochen hast du also tausende Karten, die du lernen sollst.

Was da hilft? Du hast die Wahl zwischen Selbstdisziplin und stoischer Gelassenheit.

Am effektivsten ist es natürlich, wenn du tatsächlich täglich lernst und somit die vorgegebenen Intervalle/Abstände einhältst. Schließlich sind diese an der Vergessenskurve orientiert – ergeben also einen Sinn und nicht wahllos gewählt.

Es ist aber auch vollkommen verständlich, wenn es unrealistisch für dich ist, täglich zu lernen. Manchmal hat man anderes zu tun oder braucht einfach mal einen freien Tag.

Dann gilt es einfach Ruhe bewahren. Dann stauen sich die Karten eben etwas an. Demnächst hast du wieder mehr Zeit und dann holst du das eben wieder auf.

Lernst du mit Spaced Repetition? Benutzt du dafür eine App? Wenn ja, welche und wie sind deine Erfahrungen damit?
Teile den Beitrag gerne 🙂

Leave A Comment